EST RUS

Infos:
        Herzlich willkommen oder "tere tulemast",  wie es auf Estnisch heißt!
      
 Am 14.01.2016 jährte sich die Ermordung von Traugott Hahn und seinen Leidensgenossen
  
Weiß ich den Weg auch nicht, Du weißt ihn wohl / das macht die Seele still und friedevoll.

Ist's doch umsonst, dass ich mich sorgend müh / dass ängstlich schlägt mein Herz, sei's spät, sei's früh.

Du weißt den Weg ja doch, Du weißt die Zeit / Dein Plan ist fertig schon und liegt bereit.

Ich preise Dich für Deiner Liebe Macht / ich rühm die Gnade, die mir Heil gebracht.

Du weißt, warum der Wind so stürmisch weht / und Du gebietest ihm, kommst nie zu spät.

Drum wart ich still, Dein Wort ist ohne Trug / Du weißt den Weg für mich - das ist genug.

                                     Hedwig von Redern (1866-1935) 
   
Im Estnischen Freiheitskrieg übernahmen die bolschewistische rote Truppen im Dezember 1918 die Kontrolle über Tartu. Traugott Hahn und andere evangelische Pastoren und orthodoxe Priester blieben bei ihren Gemeinden. Am 3. Januar 1919 wurde Hahn verhaftet.
 
Er wurde zur Kreditbank gebracht, die als provisorisches Gefängnis diente. Dort wurden bereits 230 Personen gefangen gehalten, darunter Pastoradjunkt Wilhelm Schwartz, der orthodoxe Bischof Platon Kulbusch, dessen Sekretär Konstantin Dorin und die Priester Nikolai Beschanizki, Michael Bleive und Alexander Brjanzew. Der Raum war überfüllt, die Haftbedingungen hart.
 
Am 14. Januar näherten sich estnische und finnische Truppen Tartu, woraufhin die Bolschewiken um 10.30 Uhr morgens begannen, Gefangene zu erschießen. Die Erschießungen fanden im sogenannten Mordkeller statt. Dazu kam ein Kommissar in die Zelle und führte die Todeskandidaten hinaus. Als Erster wurde der Bischof herausgeführt. Nikolai Beschanizki, sein Amtsbruder Michael Bleive und Traugott Hahn mussten die Zelle gemeinsam verlassen. Sie wurden ihrer Kleider, Schuhe und Wertsachen beraubt und dann in den Keller geführt. Platon wurde als Erster erschossen.
   

Die im Anatomikum  aufgebahrten zerschundenen Märtyrer (fotografiert von Dr. Wolfgang von Reyher in "Das wahre Gesicht des Bolschewismus")

Aufgrund des schnellen Vordringens der estnischen und finnischen Truppen mussten die Bolschewiken sich überstürzt zurückziehen, bevor eine zweite Gruppe Gefangener geholt und erschossen werden konnte. Dies ermöglichte es dem Arzt Dr. Wolfgang von Reyher, die Hinrichtungsstätte mit den Opfern bereits vormittags zu inspizieren. Aufgrund seines Berichts und fotografischer Aufnahmen, die teilweise in dem Buch "Das wahre Gesicht des Bolschewismus" von Erich Köhrer abgedruckt sind, wurden einige Details über die Erschießungen bekannt:

Zum Ort der Hinrichtungen gelangte man durch einen dunklen, gewölbten Kellerraum, der etwa zehn Schritte lang war. Die eigentliche Hinrichtungsstätte betrat man durch einen niedrigen Bogen auf der linken Seite, unter dem man sich bücken musste. Der daran anschließende, ebenfalls dunkle und feuchte Raum war etwa acht Schritte lang und fünf Schritte breit. Den Anblick, der sich ihm dort bot, verglich Dr. von Reyher mit Dante Alighieris Inferno. Die nur mit Unterwäsche bekleideten Körper nahmen den gesamten Raum ein und lagen übereinander, im mittleren Bereich in drei Schichten, so dass ein Betreten des Raumes unmöglich war, ohne dabei auf menschliche Körper zu treten. Deren Positionen erschienen unnatürlich. Die Schüsse waren offenbar aus nächster Nähe ausgeführt worden, dementsprechend stark waren die Verletzungen. Die Schussverletzungen betrafen in den meisten Fällen den Kopf, in einem Fall bis zu dessen völliger Zerstörung. Wände und Boden des Raumes waren stark mit Blut und Hirnsubstanz verschmutzt. Auf einige Opfer war mehrfach geschossen worden. Keiner in diesem Raum hatte überlebt. Die Exekutionen dürften diesen Beobachtungen zufolge so abgelaufen sein, dass die Opfer ihre Oberbekleidung ablegen mussten, dann in den Hinrichtungsraum auf die Körper der bereits Erschossenen gestoßen und vom Durchgang aus sofort erschossen wurden. Diese Annahme wird dadurch gestützt, dass sich keine Hinrichtungsspuren im Vorraum befanden. Die Körper wurden in das Anatomikum überführt und dort fotografiert.

Später wurden die Namen der Opfer auf einer Tafel im Mordkeller aufgelistet, die heute leider nicht mehr existiert:

Bischof Platon Kulbusch, Hermann von Samson-Himmelstjerna, Herbert von Schrenck, Pastor Wilhelm Schwartz, Gustav Seeland, Gustav Tensmann, Arnold v. Tideboehl, ein Unbekannter, Harry Vogel, Oberpriester Nikolai Beshanitzky, Oberpriester Michail Bleive, Karl Bentsen, Pastor Prof. D. Traugott Hahn, Susman Kaplan, Konstantin von Knorring, Heinrich von Krause, Friedrich Kärner, Ado Luik, Eugen Massal

Das digitalisierte Buch von Erich Köhrer "Das wahre Gesicht des Bolschewismus! Tatsachen, Berichte, Bilder" finden Sie hier.

"Alles für Christus!" rief Bischof Platon Traugott Hahn im Kerker in schwerster Stunde zu.

Zum Andenken an diese standfesten Arbeiter in der Ernte des HERRN versammelt sich die deutsche Gemeinde in Tartu/Dorpat dieses Jahr am Samstag, dem 09.01.2016 um 16 Uhr im Maarja-Gemeindehaus zu einem festlich-musikalischen Gedenkgottesdienst . Im Anschluß folgt am Parkplatz, Ecke: Vabaduse pst./Gildi tn. eine Kranzniederlegung an der Hinrichtungsstätte .

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Jesus Christus spricht: Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von des Leib werden Ströme lebendigen Wassers fliessen.
                                                                                                                                                                                 Johannes 7,38
  


  
          Den aller Welt Kreis nie beschloss,
          der liegt in Marien Schoss.
          Er ist ein Kindlein worden klein,
          der alle Welt erhält allein. Kyrieleis.
                                                                Martin Luther 1524
       
Liebe Mitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde unserer Gemeinde,
  
Einer der Jünger war nicht dabei, als der auferstandene Jesus sich den anderen gezeigt hat: Thomas. Und nun treffen sie ihn. Sie erzählen Thomas voller Freude, aber auch hin- und hergerissen zwischen Glauben und Zweifel, wie Jesus sich ihnen gezeigt und mit ihnen gesprochen hat. Und Thomas reagiert wie ein echter Empiriker: „Wenn ich nicht seine Wundmale anfassen kann und mich überzeugen, dass er es wirklich ist, glaub ich euch das nicht!“ Versuch macht klug! Und tatsächlich, als Jesus wieder zu ihnen kommt, ist Thomas dabei. Jesus bittet ihn ganz freundlich, sich davon zu überzeugen, dass er es wirklich ist. Thomas ist überwältigt und überzeugt. Das stärkste Glaubensbekenntnis von allen quillt ausgerechnet aus ihm, dem zuvor „Ungläubigen Thomas“: „Mein Herr und mein Gott!“ stammelt er. Daraufhin Jesus: „Du glaubst, weil Du mich siehst. Selig sind aber die, die nicht sehen und doch glauben.“
Über diese Geschichte wird sich viel geärgert. Aber Ärger, meiner und fremder, weist mich oft auf etwas Wichtiges hin, was ich dazulernen kann. Zum Beispiel fehlt das Thomasbekenntnis „Mein Herr und mein Gott“ in der „Bibel“ der Zeugen Jehovas. So stellten wir gemeinsam fest, als ich noch regelmäßig von ihnen besucht wurde. Dieses starke Glaubensbekenntnis wurde dort zurechtgebogen,  weil  es nicht  in die übrige  Lehre  passte.  Es  stellt  nämlich die Frage, wer Jesus  Christus für mich ist, und
    

                                     Der Tallinner Rathausplatz in weihnachtlichem Glanz                                                 Foto: N. Hollender
     
auch wer Gott ist. Kann ich das Thomasbekenntnis mitsprechen? Und wenn nicht? Schreibe ich die Bibel um, oder ignoriere diese Stelle einfach? Versuch macht klug ist übrigens gar keine so ungeeignete Methode um Glauben zu lernen. Jesus selbst ermutigt uns dazu: „Wenn jemand Gottes Willen tun will, wird er innewerden, ob diese Lehre von Gott ist, oder ob ich von mir selber rede.“ (Joh 7,17)
Thomas jedenfalls ist überwältigt von Gottes Wahrheit und Kraft. Christus kann uns auch heute so begegnen, dass wir von der Freude über seine Gegenwart überwältigt sind. Er führt uns in einen festen Glauben an ihn, der keine sinnlichen Bestätigungen mehr braucht, der mich trägt und hält, mich führt und leitet, der sicher ist,- auch in allen gelegentlichen Zweifeln-, wie das Amen in der Kirche.
Einen tragenden, festen Glauben an Christus wünschten sich wohl auch die alten Revaler. Der Thomastag ist der kürzeste Tag im Jahr, der 21. Dezember. Bei uns am 59. Breitengrad ist es dann tatsächlich nur kurz hell, besonders wenn es dazu noch bewölkt ist. In der langen Nacht dieses Tages erschließt sich, warum der 21. Dezember zum Thomastag erkoren wurde. Was sagte Jesus gleich zu Thomas? „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“ Selig, die trotz der Dunkelheit glauben, und ein Licht in ihr anzünden.
Am Thomastag trugen die Brüder der Schwarzhäuptergilde den Weihnachtsbaum auf den Rathausplatz. Der Brauch des „Baumtragens“ wurde etwa 300 Jahre lang gepflegt. Auf dem Rathausturm steht bis heute das Wahrzeichen Tallinns - „der alte Thomas“- Wache, nicht der alte Peter, Georg oder Michel, sondern der alte Thomas. In dieser Stadt im hohen Norden hatten der Thomastag und seine Geschichte besondere Bedeutung. Diese Bräuche erzählen uns von der Sehnsucht, auch so einen tiefen und festen Glauben an Christus zu bekommen, obgleich wir ihn nicht sehen können. Eine Sehnsucht, die uns Christen in Estland bis heute erfüllt, aber sich immer wieder auch in uns erfüllt.
Einen gesegneten Thomastag und ein frohes Weihnachtsfest!
   
Ihr/Euer        

Matthias Burghardt, Pfarrer

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Liebe Leserinnen und Leser!
Liebe Mitglieder und Freunde der deutschsprachigen Gemeinde in Estland!
  
Dieses Kreuz zieht den Blick auf sich. Das tut ein Kreuz ja nicht unbedingt. Manche Kreuze stoßen den Blick ab. So schwach, so elend ist Christus dargestellt. Mitunter ist die Darstellung des Schmerzes Christi so gut gelungen, so entschieden gewollt, dass kaum ein Eindruck außer dem des Schmerzes übrigbleibt. Dann ist das Kreuz für viele ein Ärgernis, auch ein ästhetisches und emotionales.
An unserem Kreuz ist Christus lebendig. In meiner Konfirmationsgemeinde war er das nicht. Es war eine Kreuzabnahme: Christus als kahlrasierter KZ-Häftling, stellvertretend für die Folter- und Mordopfer aller Zeiten, auch der jüngsten Zeit. Ein ästhetisches Ärgernis. Mein Großvater sollte nach dem Krieg als Pastor die Wiedereinrichtung seiner ausgebombten Kirche auch in künstlerischer Hinsicht begleiten. Auch für seine Kirche war eine Kreuzabnahme vorgesehen. „Nein“, sagte er „wir beten keinen toten Gott an. Einen sterbenden Christus-ja! Aber keinen toten!“ Mein Opa hatte allerlei durchgemacht, im Ersten Weltkrieg und auch während der nationalsozialistischen Diktatur.
Estland hat zwei Diktaturen hinter sich: Die kommunistische von 1940-41 und 1944-91, und die nationalsozialistische von 1941-44. Mehrere hunderttausend Menschen sind allein in Estland dem Terror der Regime zum Opfer gefallen. Es gäbe doch für die Kirche und den Künstler, theologisch und biographisch, Grund genug, dieses Leiden auch in der Christusdarstellung zu dokumentieren.
   

               
Aber der Christus ist kein leidender Christus. Es ist ein triumphierender Christus.
Er trägt die Krone. Der König am Kreuz-„halte, was du hast, damit keiner deine Krone nehme“ sagt der verherrlichte Christus der leidenden Gemeinde. Auch sie trägt die Krone-unsichtbar, mitten in Anfechtung, Verwirrung und Leid. Ein leidender Christus tröstet die Leidenden. Dieser triumphierende Christus trägt sie. Er hält die kämpfende, leidende, „kleine Herde“. Er ist es, der ihr ihre Krone hält. Er ist es, der ihr sagt: „Fürchte Dich nicht! Ich bin stärker. Meine Arme halten und tragen Dich!“ An ihm kann ich mich aufrichten. Ich weiß, dass alle Macht und Brutalität der Welt vergeht, ja, ich weiß, dass auch ich vergehe, so oder so. Er aber bleibt. Die Hände am Kreuz laufen in Schwingen aus. „Unter dem Schatten Deiner Flügel habe ich Zuflucht gefunden.“
Der Hintergrund ist von den roten Wellen geprägt. Eine Verheißung: „Wer an mich glaubt, von des Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen“. Es ist nicht nur Halt in der Not und Zuflucht in der Bedrohung. Er ist auch der, der „in dem Schwachen mächtig“ ist. Der den „glimmenden Docht“ zum „Licht der Welt“ machen kann. Der, “die mit Tränen säen mit Freuden ernten lässt“. Wer an ihn glaubt, der macht einen Unterschied. Mag die Welt an Masse glauben, mag sie an Zahlen ihre Orientierung und ihren Halt finden, mag sie von schreienden Menschenmengen, gut inszenierten Parteitagen und Landkarten mit Gebieten, die in einer Farbe gehalten sind, begeistert sein. Gott setzt auf den einzelnen und auf die kleine Schar derer, die „ihre Knie nicht gebeugt haben vor den Götzen“. Wer an ihn glaubt, von dem geht das weiter, was ihm im Glauben geschenkt wurde. Lebendiges Wasser. Es stillt den Durst, wo Durst nach Leben herrscht. Es schafft einen klaren Kopf, wo alle benebelt zu sein scheinen, es kühlt in der Hitze des Kampfes. Es ist das, was wir alle brauchen, wonach wir alle uns sehnen. Es geht von ihm aus und fließt durch die, die ihm glauben und sich ihm anvertraut haben, in denen „sein Geist Wohnung gemacht“ hat.
Und schließlich die Augen des Königs. Sie haben manche Glieder unserer Gemeinde irritiert. Können sie nicht freundlicher sein? Warum ist der Blick so starr? Fast ohne Ausdruck?
Es ist ein gekreuzigter Christus. Und es gibt wohl keine andere Mimik eines Gekreuzigten, wenn man das leidende Antlitz eben unbedingt vermeiden will, als die des Überwinders. „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“
Wer Jüri Arraks Werk kennt, weiß aber auch, dass es ein kontextueller Christus ist. Es gefällt den meisten Esten nicht, ihre Emotionen zur Schau zu stellen. Man will die anderen nicht damit bedrängen und ist individualistisch genug, davon auszugehen, dass die anderen auch nicht angeht, was in mir vorgeht. Der Überwinder-König zeigt den selbsternannten Göttern dieser Welt, was von ihnen zu halten ist: sie „sind Nichtse“, ihre kläglichen Versuche, den Sieg davonzutragen und das Bewusstsein der Menschen restlos zu besetzen, sind zum Scheitern verurteilt. Er hat seine „Stirn hart gemacht wie einen Kieselstein“. Nicht Propaganda und Lüge, werden ihren Zugang zu ihm finden. „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“, aber „wer an mich glaubt, durch den wird lebendiges Wasser“ in die Zeit strömen, der „wird Zuflucht unter dem Schatten meiner Flügel haben“ und keiner wird „seine Krone nehmen“.
„Gott wird nicht müde noch matt, und sein Verstand ist unausforschlich.“ „Seine Augen sehen in alle Lande“, und „wer seinen Namen anruft, der soll errettet werden.“ Amen.

  
Herzliche Grüße und Segenswünsche
  
Ihr/Euer        

Matthias Burghardt, Pfarrer

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Liebe Mitglieder und Freunde der deutschsprachigen Gemeinde in Estland!
 
Unser Kirchengemeinderat hat am Samstag, dem 8. März 2014, getagt, und ich möchte Ihnen und Euch aktuelle Informationen,  die weiteren Planungen  für das laufende Jahr und Beschlüsse, die der Gemeinderat als Ergebnis seiner Beratungen gefasst hat, mitteilen:
 
Zunächst freuen wir uns über das stetige Wachtsum unserer Gemeinde. Relativ gesehen ist das in Prozenten stets eine beeindruckend große Zahl, absolut gesehen sind wir noch immer eine kleine Gemeinde innerhalb der Estnisch Evangelisch-Lutherischen Kirche. Insgesamt haben wir 117 Mitglieder. Hoffnungsvoll ist, dass auch weiterhin die Zahl der Taufen und Neueintritte die Zahl der Abgänge durch Wegzug, Austritt und Tod übersteigt. Unsere Gemeinde befindet sich nach wie vor im Wachstum, und Dank Ihrer und Eurer Spenden haben wir es bisher trotz unserer überschaubaren Größe geschafft, alle Projekte aus Spenden, Unterstützungen von Partnerorganisationen und Mitgliedsbeiträgen zu finanzieren. Zuletzt war es ein "neues" gebrauchtes Gemeindeauto. Das kleine symbolische Gehalt, das die Gemeinde dem Pastor zahlt, die Miete für die Gemeinderäume sowie für die Kirchenräume unserer estnischen bzw. estlandschwedischen Gastgemeinden in Tartu und Tallinn sind für das laufende Jahr gesichert. Der statistische Rückblick des Gemeinderates war demgemäß von großer Dankbarkeit geprägt.
 
        
                  Blick über die kleine Wiek in Haapsalu (Foto: Micha Strauss)
  
In unserer Mitgliederstruktur ist in den letzten Jahren ein allmählicher Wandel eingetreten: Während in den 90er Jahren die Sammlung der Deutschsprachigen Estlands, darunter viele Russlanddeutsche, die Gemeinde prägte, sind wir heute ein bunter Mix aus Bundesdeutschen, Russlanddeutschen, Deutschbalten  und Esten. In der Gemeinde sind darüber hinaus Dänen, Finnlanddeutsche, zu Gast kommen Liechtensteiner, Schweizer und Österreicher. Uns eint neben unserem Glauben ganz in Martin Luthers Sinne der Wunsch nach Verkündigung in unserer deutschen Muttersprache. Viele junge Familien mit Kindern kommen zu unseren Veranstaltungen, besonders zu den Familien- und Kindergottesdiensten sowie Freizeiten. Der eingeschlagene Weg in der Gemeindearbeit bestätigt sich als richtig und wird weiter beschritten.
 
Die Grundungsgeneration der vorwiegend russischsprachigen Mitglieder, soweit sie nicht nach Deutschland ausgewandert sind, ist heute in einem Alter, das es Ihnen schwer möglich macht, an vielen Veranstaltungen teilzunehmen. Wir wollen dieser Tatsache, wie beschlossen, mit mehr Hausbesuchen begegnen und darüber generell die Arbeit im russischsprachigen Gemeindeteil und in Nordostestland verstärken. Wir haben bereits auf unserer letzten Gemeindexkursion zu den Deutschen Vereinen in Jõhvi und Narva Kontakt aufgenommen und möchten die gemeinsame Arbeit intensivieren. Zum Ende des Jahres werden wir deshalb eine Gemeindesekretärin / einen Gemeindesekretär einstellen, die / der nach Möglichkeit nicht nur Estnisch und Deutsch beherrscht, sondern vor allem als russische Muttersprachlerin bzw. russicher Muttlersprachler bei der Verbesserung unserer Preditübersetzungen, unseres Internetauftritts auch auf Russisch und bei der Betreuung und der Kontaktpflege mit den Deutschen Kulturvereinen im Nordosten Estlands Pastor Matthias Burghardt unterstützend zur Seite stehen soll. Wir bitten Sie und Euch auch für dieses neue Projekt um Spenden. Der HERR segne Geber und Gaben!
 
An unsere Gemeinde richtet der Gemeinderat folgende Bitte: Pastor Matthias Burghardts Frau Anne ist derzeit beim Lutherischen Weltbund in Genf tätig. Wir möchten Matthias gerne soweit es geht, den Rücken freihalten, damit er im Herbst mehr Zeit mit seiner Familie verbringen kann. Unsere Gemeindeveranstaltungen laufen aber weiter, und Matthias ist für die regelmäßigen Gottesdienste und Kindergottesdienste vor Ort. Der Gemeinderat bittet aber darüber hinaus alle Mitglieder, zum Beispiel bei der Vorbereitung des Kirchenkaffees, den Freizeitvorbereitungen, bei den Kindergottesdiensten und allen weiteren Gemeindeveranstaltungen mit anzupacken, um Matthias in dieser Zeit zu entlasten.
 
Für 2014 ist in puncto Veranstaltungen über das regelmäßige Programm hinaus neben einer Familienfreizeit Ende Mai und einer Gemeindefreizeit oder -exkursion im September sowie dem Martinslaternenumzug im November noch eine Exkursion in der Osterzeit nach Nordostestland geplant. Näheres folgt wie immer per Email oder über den Gemeindebrief wie auch hier auf der Homepage.
 
Abschließend hat der Gemeinderat mit großer Freude beschlossen, in Haapsalu an der estnischen Westküste (Kreis Läänemaa) ab September eine Filialgemeinde ins Leben zu rufen.
 
Mit herzlichen Grüßen im Namen des gesamten Kirchengemeinderates
 
Ihr / Euer
 
Frank Borchers
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Liebe Mitglieder und Freunde der deutschsprachigen Gemeinde in Estland!   
 
Die Menschheit ist in Bewegung wie selten zuvor, von Süd nach Nord und von Ost nach West, dorthin, wo es besser zu sein scheint. Und dieWohlstandsgesellschaften sind in der Krise: was tun? Sich der Wanderungöffnen? Oder sich verschliessen? Sich um Werte und Haltungen bemühen, die die Gesellschaft bisher geprägt haben? Oder sich neuenMasstäben öffnen, die Gesellschaft umbauen und der Kultur der neuenBevölkerung anpassen? Die Erwartungen der Einwanderer sind zum Teil realistisch, zum Teil überzogen: Es ist nicht das Reich Gottes, zu dem sie unterwegs sind.
Wie sollen wir darauf reagieren, als Christen? Vor genau dieser Fragestanden die Apostel. Wir werden in den Briefen des Apostel Paulus und inder Apostelgeschichte Zeugen einer globalen Veränderung. Der Heilige Geist ist es, der Geist Jesu Christi, der in seiner brennenden Menschenliebe alle Grenzen wegfegt!Auch die Grenzen, in denen die ersten Christen traditionell und selbstverständlich eine Ordnung Gottes sahen: Der Apostel Petrus, selbst Jude, tauft in Apg 10 eine römische Zenturionsfamilie -er hätte als frommer Jude nicht mal seinen Fuss über deren Türschwelle setzen dürfen!Das ist ungeheuer provokativ und hat für viel Ärger gesorgt!Petrus selbst ist später eingeknickt (Galater 2, 12-16), als die -ehemals- frommen Juden ihm Vorhaltungen machen. Für Petrus muss das Einknicken bitter gewesen sein: eine Erinnerung daran, wie der Hahn dreimal krähte... Aber dieser Umstand zeigt uns einen sehr menschlichen Apostel, der keinesfalls frei von Fehl und Tadel ist, ein Sünder und ein Unschlüssiger wie ich und Du. Schliesslich wird von den Aposteln beschlossen, was Gott offenbar schon längst beschlossen hat: Jeder Mensch, der Hunger nach Gott hat, der Hunger nach Liebe hat, der nach Weisheit hungert und nach Trost, der Vergebung möchte-der soll kommen!In der Bergpredigt (Mt 5) klingt Jesu ungeheuer umfassender Einladungsruf!Selig sind die Hungernden, Durstenden, Suchenden, Mühseligen, Beladenen. Gott macht keinen Unterschied aus Gründen der Rechtgläubigkeit. Und hier, zu Beginn des apostolischen Zeitalters, wiederholt sich die Einladung: Gegen alle Widerstände derer, die Gottes bisherige Ordnung treu befolgen wollen: Die Christen gehen zu den Heiden und bringen ihnen die Frohe Botschaft von der Liebe und Gerechtigkeit Gottes in Jesus Christus.
   
          
           Das alte Tallinn (Reval) von See her gesehen
   
Was heisst das jetzt für uns? Sollen wir alles einreissen, was noch steht, uns mutig in die neue Zeit werfen, nur auf Gott und seine Leitung vertrauen? Ja. Und nein. Zwei Dinge sind dabei zu beachten: Zum einen ist es tatsächlich so, dass Gottes brennende Liebe vor keinem Menschen Halt macht, vor keiner Konvention und vor keiner Regel und Ordnung. Wir können als Christen nicht sagen: “Bis hierher reicht die Liebe Gottes, bis zu diesem Menschen-aber zu dem da drüben nicht mehr!” Das ist, wenn man es aus dem Bereich christlicher Formeln in den Alltag überträgt, revolutionär, zumindest für mein Denken. Meine Mutter begann 1980 mit einer Freundin zusammen den Aufbau eines Spielkreises für türkische Kinder in unserer Stadt, mit dem Ziel, Grundkenntnisse des Deutschen zu vermitteln. Das war und ist mir ein grosses Vorbild. Christliche Liebe bricht alle Schranken der Konvention und der Phantasielosigkeit. Was kann sich alles bewegen, wenn ich diese Liebe erbitte und sie anderen schenke? Ich erreiche völlig neue Menschen und völlig andere Lebenssituationen, wenn die Liebe Christi (wenigstens ab und zu) in meinem Herzen brennt-so wie bei den Aposteln!Ich sehe Wunder geschehen, denn Menschenherzen werden durch Liebe gewonnen, das Predigen einer ewigen göttlichen Ordnung (theologisch gesprochen: “des Gesetzes”) wird dagegen notwendigerweise die Mehrzahl der Hörer abschrecken. Eine Minderheit nimmt solche Predigt an. Aber sie wird dann mitunter zu fanatischen Verfechtern dieser Ordnung, die alle, die nicht so sind wie sie, hinausdrängen. Vom Apostel Paulus hören wir: “Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen.” So gesehen bin ich oft noch viel zu verzagt und viel zu wenig „global“ im christlichen Sinne.
Aber zum anderen darf man den Bogen auch nicht überspannen. Die Ordnungen und Gesetze sind ja nicht an und für sich falsch. Und es ist kein schöner Götterfunken, der den Christen zu seinem Nächsten zieht, es ist kein allgemeines Menschliches, was uns als Kirche leitet, es ist nicht das “Reich Europa” (oder das “Reich Russland”), was wir in der Welt aufrichten sollen, es ist keine Ideologie, die nach unseren Herzen greift, sei sie konservativ oder progressiv. Es ist nicht mal Liebe um der Liebe willen—sondern Liebe um Christi Willen. Die radikale Zuwendung Christi zum Nächsten, an der seine Kirche teilnimmt, ist nicht deshalb gut, weil sie radikale Zuwendung ist, sondern weil es Christi Wille und Tat ist. Das heisst: alles was wir tun, sollen wir im Namen Christi tun. Wir bleiben an den konkreten Willen Gottes gebunden. Und damit auch im Normalfall an die von Gott gesetzten Ordnungen, sofern sie den Lauf des Evangeliums nicht hemmen. Mehrfach sagt Gott im Evangelium über Jesus: Das ist mein lieber Sohn, den sollt ihr hören. Also hören wir ihn! Und bleiben wir zusammen, wie er es uns gesagt hat, weder uns ängstlich an Dinge klammernd, die zu Hindernissen geworden sind, noch im Gefühl universeller Freiheit so voranpreschend, dass keiner mehr folgen kannund womöglich noch in die falsche Richtung! Die Verklärungsgeschichte Christi endet mit den Worten: Als sie aufsahen, sahen sie niemanden als Jesus allein. Das wünsche ich mir! Jesus vor Augen und Liebe im Herzen. Dann kann, auch global betrachtet, nichts schiefgehen.
  
Herzliche Grüße
   
Ihr / Euer Pastor Matthias Burghardt
      
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Das neue Gemeinde-Auto ist da!
   
Liebe Mitglieder und Freunde der deutschsprachigen Gemeinde in Estland! 
  
Wir hatten Sie und Euch um Spenden für ein neues Auto für unsere Gemeinde gebeten, nachdem Pastor Matthias Burhardts alter Golf langsam den Geist aufgab und für lange Strecken nicht mehr zu gebrauchen war. Der Kirchengemeinderat hatte daraufhin beschlossen, ein gemeindeeigenes Auto anzuschaffen. Für die seelsorgerische Arbeit einer Flächengemeinde mit einem Einzugsgebiet vergleichbar mit der Größe Niedersachsens sicher eine notwendige und sinnvolle Investition.
  
                                 
                                  Hurra: Endlich ist unser gemeindeeigenes "Papamobil" da! Natürlich
                                             jahreszeitgemäß mit schmutzgrauer Patina! Das Foto stammt vom
                                             24.12. nach dem 10 Uhr-Weihnachtsgottesdienst in Tartu.
    
Wir freuen uns jetzt, das neue Gemeindeauto präsentieren zu können: Es ist ein gebrauchter Golf Kombi (Baujahr 2009). Matthias Burghardt hat die ersten Fahrten absolviert und insbesondere am 24.12., als vier Gottesdienste zu bestreiten waren, mit Freude davon Gebrauch gemacht.
  
Wenn die Winter- und Schmutzperiode vorbei ist, soll es noch eine Beschriftung bekommen.
  
Wir danken allen Spendern und Helfern, dass diese Anschaffung möglich wurde! Gott segne Geber und Gaben!
  
Mit herzlichen Grüßen m Namen des gesamten Kirchengemeinderates
  
Frank Borchers
  
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                  Gelobet seist Du, Jesu Christ 
                                           Martin Luther 1524
  
  
1) Gelobet seist du, Jesu Christ,
dass du Mensch geboren bist
von einer Jungfrau, das ist wahr;
des freuet sich der Engel Schar.
Kyrieleis.
  
2) Des ewgen Vaters einig Kind
jetzt man in der Krippe findt;
in unser armes Fleisch und Blut
verkleidet sich das ewig Gut.
Kyrieleis.
 
3) Den aller Welt Kreis nie beschloss,
der liegt in Marien Schoß;
er ist ein Kindlein worden klein,
der alle Ding erhält allein. Kyrieleis.
  
4) Das ewig Licht geht da herein,
gibt der Welt ein neuen Schein;
es leucht wohl mitten in der Nacht
und uns des Lichtes Kinder macht.
Kyrieleis.
  
5) Der Sohn des Vaters, Gott von Art,
ein Gast in der Welt hier ward
und führt uns aus dem Jammertal,
macht uns zu Erben in seim Saal.
Kyrieleis.
  
6) Er ist auf Erden kommen arm,
dass er unser sich erbarm
und in dem Himmel mache reich
und seinen lieben Engeln gleich.
Kyrieleis.
  
7) Das hat er alles uns getan,
sein groß Lieb zu zeigen an.
Des freu sich alle Christenheit
und dank ihm des in Ewigkeit.
Kyrieleis.
  
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Liebe Mitglieder und Freunde der deutschsprachigen Gemeinde in Estland!

Der Zusammenbuch eines Einkaufzentrums in Riga ist eine wahre Schreckensnachricht. In den lettischen Fernsehnachrichten war ein etwa 10- jähriges Mädchen, dass in die Kamera berichtete, dass sie seit geraumer Zeit versuche, ihre Mutter auf dem Handy zu erreichen. Die Mutter sei noch schnell Essen einkaufen gewesen, aber nun antworte sie nicht. Zwischen Hoffen und Bangen...Ich möchte mir kaum ausmalen, was in diesem armen Kind vor sich geht, wenn die Befürchtung zur Gewissheit werden sollte.

Täglich erreichen uns ja solche Meldungen von Toden, die schrecklich sind, wo Leute, auch Kinder und Eltern, auf grausame Weise sterben. Oder die Meldungen vom Krieg: wer zählt noch die Toten in Syrien, z.B.? Der Gasangriff auf zivile Bevölkerung ist schon fast wieder vergessen. Es ist eine alte Wahrheit, dass die Menge der Meldungen über Tod und Leiden eine abstumpfende Wirkung haben, und nur das "frische" Leid überhaupt berichtenswert zu sein scheint. 
  

                                               

                                                                ehemalige deutsche Nikolaikirche Tallinn (Reval)

  
Und dann solch eine Katastrophe in Riga. Sie erschüttert mich besonders, aus zwei Gründen: Zum einen ist der Tod mitten in den Alltag der Menschen gekommen, ohne echte Vorwarnung. Er lässt zurück, was er stets zurücklässt - Trauer, Schmerz und Fassungslosigkeit. Zum andern ist der Alltag, in den er kam, mir sehr vertraut: Auch ich kaufe mein Essen in vergleichbaren Märkten, und habe noch nie darüber nachgedacht, dass mit der Statik etwas nicht stimmen könnte. Ich denke an meine Freunde aus meiner ehemaligen Rigaer Gemeinde, an ihr Leben, ihren Alltag, ihre Hoffnungen und Kämpfe und an die unseren hier in Estland, die ja ganz ähnlich sind. Zolitude ist kein reicher Stadtteil, es ist eines der grossen Plattenbaugebiete um Riga. Dort in Zolitude leben die Mittelschicht Lettlands und die, die weniger haben, die sich mit einigen hundert Euro im Monat durch steigende Preise kämpfen, manchmal unter Klagen, manchmal beeindruckend glücklich und aufrecht durchs Leben gehend, desillusioniert von der Politik und ihren Versprechungen, gebeutelt von nunmehr 6 Jahren Krise und den im Januar kommenden Euro vor Augen (den wir ja schon seit 3 Jahren geniessen dürfen), kleine Familien und Alleinstehende, oft mit Kindern. So wie bei uns. Und ich bin furchtbar ärgerlich zu hören, dass bereits um 16 Uhr Teile der Decke herunterkamen, Alarme ausgelöst und einige kleinere Läden geschlossen wurden. Aber das Zentrum blieb geöffnet! Es entblösst die tödliche Ideologie, die im Menschen nur den Verbraucher, bzw. im Mitarbeiter eine Arbeitskraft sieht, die bis zur gesetzlich geregelten Grenze (und manchmal darüber hinaus-wer will in diesen Zeiten schon seinen Job verlieren?) ausgebeutet werden dürfen. Der wahre Wert klingt in der Kasse-denn die Kassiererinnen durften ihren Arbeitsplatz offiziell erst verlassen, nachdem der Sicherheitsdienst die Kassenschubladen eingesammelt hatte!! Ein Polizeisprecher sagt in die Kamera, dass gewährleistet ist, dass es keine Plünderungen gibt... Plünderungen!! Ich möchte wissen, wer hier wen ausgeplündert hat? Was ist vielleicht eine oder auch zehn unter den Trümmern eingesammelte Kassenschublade angesichts des Grauens und des zigfachen Todes?

Es stellt sich die uralte Frage, warum Gott solche Katastrophen nicht verhindert? Ich weiss es nicht. Aber Gott sei Dank kommt es auf mein Wissen auch nicht an.

Gott selbst bleibt nicht ohne Antwort. Es ist ihm nicht gleichgültig. Der alle Tränen in einen Krug sammelt und zählt, der unsere Herzen und Sinne kennt und erforscht, dem ist unser Leiden nicht egal. Und das konkrete Leiden der Trauernden in Riga und anderswo ganz bestimmt auch nicht! Advent heisst: Er kommt! Und wo er hinkommt, da breitet sich der Trost aus wie ein Strom und die Tränen werden abgewischt und die Blicke werden gehoben und die Schultern aufgerichtet, und aus der Zerstörung wächst etwas Gutes in den Herzen der Menschen. Ich weiss nicht, warum Gott das Leiden zulässt. Aber ich weiss und habe es vielfach erlebt, dass er trösten kann, wie einen seine Mutter tröstet. Dass er das aufrichtet, was am Boden liegt, den glimmenden Docht nicht verlischen lässt und das genickte Rohr nicht zertrampelt.

Der Advent ist die Zeit des Horchens und des "Mit-dem-Herzen-Sehens", ob ich nicht ein Wort oder ein Zeichen seines Kommens sehe und entdecke, des Vorbereitens darauf, dass er kommt und bei uns Wohnung machen will. Die Zeit in der ich mich neu auf seine Gegenwart in meinem Leben einstelle. Er kommt und klopft bei mir an. Er kommt mitten in meine Trauer, meine Wut, meine Gleichgültigkeit, meine vorweihnachtliche Erschöpfung oder meine Kämpfe mit mir selbst, mit meiner Familie oder bei der Arbeit. Er kommt und will sich meiner annehmen, will das Böse und Schlimme in Gutes verwandeln-denn darin ist er der Meister-im Heilen und Verwandeln, im Leben Schenken und im Aufbrechen von Gefängnissen.

Friedrich Rückert dichtete 1834: Und wo Du kommst herangezogen/ da ebnen sich des Meeres Wogen,/ es schweigt der Sturm von Dir bedroht./Du kommst, dass auf empörter Erde/der neue Bund gestiftet werde,/ und schlägst in Fessel Sünd und Tod.

Ich wünsche den Trauernden den Trost Christi und uns allen eine gesegnete Adventszeit

Ihr/Euer   

Matthias Burghardt, Pfarrer

   

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  Erste Sitzung des neuen Kirchengemeinderates / Veranstaltungsplanung / Ein Auto für unseren Pfarrer

Liebe Mitglieder und Freunde der deutschsprachigen Gemeinde in Estland!

Unser neuer Kirchengemeinderat ist am Samstag, dem 8. Juni, in unserem Gemeindezentrum in der Tolli 4 in Tallinn zu seiner ersten Sitzung zusammengekommen. Neben den üblichen Punkten wie Mitgliederbewegungen, Gottesdienststatistiken, Finanzen oder Neuigkeiten aus unserer estnischen evangelisch-lutherischen Gesamtkirche haben wir uns hauptsächlich mit der Veranstaltungsplanung und der praktischen Ausrichtung unserer Gemeinde beschäftigt

           

                           Blick über Tallinn (Reval) Richtung Altstadt  sowie Richtung Kalamaja (Fischermay) und Kopli (Ziegelskoppel)

In puncto Veranstaltungsplanung für das laufende Jahr wurde einstimmig beschlossen, dass es im November wieder den Martinslaternenumzug für Kinder geben soll, der bereits letztes Jahr so großen Anklang in Tallinn gefunden hat. Des weiteren findet im Herbst wieder eine Gemeindefreizeit statt. Und besonders an die Senioren in unserer Gemeinde richtet sich eine geplante Tagesfreizeit nach Narva. Weitere Veranstaltungen sind in Planung.

Darüber hinaus haben wir beraten, wie wir den beiden großen Gruppen in unserer Gemeinde, den Familien mit Kindern und den Senioren, konkret noch besser begegnen können. Unsere Gemeinde hat seit ihrer Wiedergründung 1992 einen erfreulichen Verlauf genommen und besonders in den letzten Jahren sind Veranstaltungen und Mitgliederzahlen sehr stark gewachsen. Trotzdem sind wir keine Großgemeinde, sondern durch die weite Verteilung über ganz Estland sind die einzelnen Gottesdienst oft nicht von mehr als 20 oder 30 Gemeindegliedern besucht. Das hat sicher den Vorteil, das hier jeder jeden kennt, niemand ist fremd.

Es stellt sich uns aber insofern als besondere Herausforderung dar, dass unser Pfarrer Matthias Burghardt in unserer Personalgemeinde mit einem Einzugsgebiet, das etwa so groß wie Niedersaschen ist, weite Anfahrtswege hat. Da wir nun zur seelsorgerischen Betreuung auch für unsere Senioren, die nicht mehr mobil sind und daher nicht am Gottesdienst teilnehmen können,  verstärkt Hausbesuche anbieten wollen, hat der Kirchengemeinderat beschlossen, dass die Gemeinde entweder selbst ein Auto anschaffen muss oder Pfarrer Matthias Burghardt beim Erwerb einen Fahrzeugs unterstützen soll. Bisher  hat er alle Fahrten mit seinem privaten Auto absolviert, das sich dem Ende seiner Tauglichkeit nähert.

Wir möchten Sie und Euch daher herzlich bitten, den Kauf eines gebrauchten Autos mit Spenden zu unterstützen. Die Kontoverbindung unserer Gemeinde in Estland sowie die Kontoverbindung des Zentrums für Mission und Ökumene der luth. Nordkirche in Hamburg, die Spenden aus Deutschland an unsere Gemeinde weiterleitet, finden Sie / findet Ihr hier.

Gott segne Geber und Gaben!

Die Mitglieder unseres Kirchengemeinderates werden wir in den kommenden Gemeindebriefen vorstellen. Bis dahin wünsche ich Ihnen und Euch einen wunderbaren Sommer und verbleibe

mit herzlichen Grüßen und Segenswünschen

im Namen des ganzen Kirchengemeinderates

Ihr/Euer

Frank Borchers

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Stellenausschreibung

Für den Deutschunterricht (zunächst in der Grundschule) an der im August startenden Europa Schule Tallinn, suchen wir noch eine Lehrkraft. Dies ist in Teilzeit, je nach sonstiger Ausbildung auch in Vollzeit möglich.

Vielen herzlichen Dank und mit freundlichem Gruß

Christian Fischer
http://www.innove.ee/en/european

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Grußwort des Ev.-Luth. Nordkirche und des Zentrums für Mission und Ökumene zur Amtseinführung von Pfarrer Matthias Burghardt:

        

Am Ostersonntag, dem 31.03.2013, fand in der Schwedischen Michaelskirche in Tallinn der Einführungsgottesdienst für Pfarrer Matthias Burghardt statt.

Der Gottesdienst war nicht nur wegen des Osterfestes und der rund 120 Besucher oder wegen der Tatsache, dass außerdem auch der neu gewählte Gemeindevorstand ins Amt eingeführt wurde und eine Taufe stattfand, bedeutsam, sondern die Gemeinde hat nun, nachdem sie Matthias Burgahrdt durch die Wahl zu ihrem Pfarrer gewählt hat, das erste Mal seit 1940 einen gewählten Gemeindepfarrer.

                

                  Der Gemeindechor singt unter Leitung von Margot Peterson.

Matthias Burghardt dient der Gemeinde zwar bereits seit 2006, war aber bisher von der Propstei Tallinn an die Gemeinde abgestellt. Durch die Wahl hat die Gemeinde ihrer tiefen Verbundenheit zu Matthias Burghardt Ausdruck verliehen, in dessen bisheriger Zeit die Zahl der eingetragenen, getauften Gemeindeglieder auf über 100 stieg und der durch Kindergottesdienste, Senioren-, Familien- und Kinderfreizeiten, Hauskreise und Gottesdienste das Werk, das seine Vorgänger seit Anfang der 90er Jahre nach Wiedergründung der Deutschen Gemeinde aufgebaut haben, engagiert fortgeführt hat. Durch das Erlernen der estnischen Sprache, den Dienst in estnischen Gemeinden und in den Gremien unserer estnischen Gesamtkirche hat er sich Vertrauen auch bei unseren estnischen Schwestergemeinden und der Kirchenleitung erworben.

                  

                     Pfarrer Matthias Burghardt im Gottedienst bei der Predigt.

Das Oberhaupt der Estnischen Evangelisch-Lutherischen Kirche,  Erzbischof Andres Põder, nahm die Amtseinführung selbst vor. Anwesend waren der Kanzler der EELK, Urmas Viilma, sowie der Pfarrer der Schwed. Gemeinde Patrik Göransson, der Pfarrer der Deutschen Gemeinde in Riga, Markus Schoch, sowie Pfarrer em. Werner Hausen, Sohn des letzten deutschbaltischen Pfarrers Carl-Herbert Hausen, der Estland am 18. Mai 1940 verlassen mußte.

                            

                             Werner Hausen erinnert an seine Eltern Carl-Herbert und Ilse Hausen, die Estland 1940 verlassen mußten.

Im Anschluss an den Gottesdienst lud der Gemeindevorstand zu einem Empfang ein, der erst am frühen Abend ausklang. Für die Gemeinde war es ein großes Ereignis.

                        

                        Gemütlicher Ausklang bis in den Abend hinein beim anschießenden Empfang

Den vielen fleißigen Helfern, die sich schon früh eingefunden hatten, um alles gemeinsam vorzubereiten, ein herzliches Dankeschön! Die viele Hilfe und das Miteinander an diesem Tag offenbaren den Geist der Gemeinde. Ein besonderer Dank gilt auch dem Gemeindechor unter Margot Peterson, den Blechbläsern Ilka und Alexander Eckert, Inese Vohlbrück an der Orgel sowie Varju Kunz (Sopran).

Der neue Gemeindevorstand, der aus Erika Sooden (Tallinn / Vize-Vorsitzende), Beate Noe (Tartu), Bodo Barz (Tallinn), Alexander Eckert (Tallinn) und Frank Borchers (Tartu / Vorsitzender) besteht,  freut sich darauf die vielfältige Gemeindearbeit zusammen fortzusetzen. Zunächst steht die Gemeindefahrt zum Evangelischen Kirchentag in Hamburg auf dem Programm, aber Gemeindefreizeiten, Senioren- sowie Kinder- und Jugendarbeit warten schon im Anschluss.

Frank Borchers

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Grußwort zur Amtseinführung von Pastor Burghardt am 31. März 2013

von Herrn Hansfried Wendler, der nach dem Krieg in im Haus von Oberpastor Joseph Sedlatschek (bis 1940 Pastor der deutschen Johanniskirchengemeinde, Tartu) aufwuchs

 
Herzlichen Glückwunsch Herrn Pastor Burghardt, dem Kirchenvorstand und der ganzen Gemeinde zu dem großen Erfolg, den Sie an diesem Osterfest feiern können. Sehr, sehr gern wäre ich auch jetzt wieder nach Estland gereist. Dieses Mal, um im Rahmen der Feierlichkeiten die Brücke zu Oberpastor Joseph Sedlatschek zu bauen. Leider kann ich aus Termingründen nicht kommen, werde aber trotz ziemlich großer Entfernung in Gedanken mitfeiern.
Gestatten Sie mir deshalb, hier ein paar Streiflichter zur Erinnerung an meinen hochverehrten, sehr viel älteren Freund und seine lieben Angehörigen aufzustecken.  Zum ersten Mal hatten sich unsere Wege 1940 gekreuzt, im Kreis Posen, als umgesiedelte Baltendeutsche in die Stadt kamen, deren Bürgermeister unser Vater war. Als damals Vierjähriger habe ich nicht geahnt, daß in der Menschenmenge, die vom Bahnhof zu den neuerbauten „Behelfsheimen“ wanderte, zwei Menschen waren, die in meinem Leben noch eine besondere Rolle spielen würden, nämlich Oberpastor Joseph Sedlatschek und seine Frau. Er beschrieb später unser dortiges Haus exakt.

Amtseinführung von Pfarrer Matthias Burghardt durch den Erzbischof unserer Estnischen Ev.-Luth. Kirche, Andres Põder


Die Kriegsfolgen haben 1946 unsere Familie und 1949 auch Familie Sedlatschek nach Bredelar im Sauerland verschlagen. Er wurde erster Inhaber der neuen Pfarrstelle. Unser erster Kontakt war dienstlich; denn mit 13 habe ich in seinen Kindergottesdiensten die Pflicht an der Orgel übernommen. Die Zusammenarbeit war prächtig.
Einen gehörigen Schrecken bekam ich 1950, mit 14, als unsere etatmäßige Organistin ausfiel und ich ganz selbstverständlich auch im großen Gottesdienst in der immer vollbesetzten Kirche den Dienst übernehmen sollte. Auf meine sorgenvolle Bemerkung habe ich von seiner souveränen Gelassenheit profitiert, „das merkt doch keiner, wenn da oben einer aufgeregt ist.“ Das hat geholfen und alles lief immer erstklassig.
Zur Konfirmandenprüfung 1950 vor der Gemeinde hat er ganz diskret eine sehr fürsorgliche Glanzleistung organisiert, die ich erst danach durchschaut habe. Wir stellten uns nicht beliebig vor dem Altar auf, sondern er bestimmte die Reihenfolge. Scheinbar zufällig stand dann der Schwächste neben mir. Jeder mußte die erforderlichen Kenntnisse nachweisen. Als er meinen Nebenmann nach dem ersten Gebot fragte, war ich nicht besonders aufmerksam; denn erstens war ich ja nicht dran und zweitens war das die leichteste aller möglichen Fragen, die doch jeder aus dem Stand beantworten konnte. Nur mein Nebenmann nicht. Der stieß mich unauffällig an und flüsterte „du, sag mal.“ Das habe ich genau so leise getan und so hat auch er die erforderliche Leistung nachweisen können. Niemand hat bemerkt, welch geschickte Regie seinen Erfolg gesichert hatte. Herr Oberpastor war eben sehr souverän.
Als Konfirmationsspruch hat er für mich „Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch die Liebe ist die größte unter ihnen“ ausgesucht. Sie wissen schon, Korintherbrief. Nach meinem Gefühl war das der schönste von allen denkbaren Konfi-Sprüchen.
Damals herrschte noch immer größte Wohnungsnot. Die Vertriebenen waren extrem schlecht untergebracht. Als Frau Sedlatschek unsere Wohnsituation bemerkte, meinte sie nur kurz und bündig „so geht das nicht“ und bot mir ein Zimmer in ihrer Wohnung im neuerbauten Pfarrhaus. Das war für den kleinen Bub ein Segen, aber als auch noch ihre Tochter und ihre Enkelkinder dazukamen, war es für sie wirklich eng.
Die Gemeinschaft war sehr harmonisch und Höhepunkt des Tages war immer die familiäre Abendandacht von Oberpastor Sedlatschek. Die kleinen Enkel sangen die Abendliedchen schon kräftig mit, die ich auf dem Akkordeon begleitete Er verstand es immer, für alle einen tiefen Frieden über den Rest des Tages zu legen.
Er hat mir erzählt, daß er in Dorpat Studentenpfarrer gewesen war, daß er von den Bolschewiken zusammen mit allen übrigen Geistlichen, also evangelischen und orthodoxen, zum Tode verurteilt war, daß ihn aber eine estnische Krankenschwester aus dem Gefängnis herausgeschleust habe. Die habe er geheiratet. Frau Oberpastor, wie man damals sagte, hat ihm später noch einmal das Leben gerettet, nämlich als er in der sowjetischen Besatzungszone wiederum interniert worden war. Die Russen hegten generell höchstes Mißtrauen gegenüber den Baltendeutschen. In seinem Fall kam erschwerend hinzu, daß er 1929 eine Erinnerungsschrift zum 10. Jahrestag des bolschewistischen Massakers veröffentlicht hatte, dem neben allen anderen Geistlichen auch der berühmte Pastor Hahn und der orthodoxe Bischof zum Opfer gefallen waren. Seine energische Frau hatte ihn auch dort wieder herausgepaukt. Und ich hatte von ihrer zupackenden Art ja nun auch schon profitiert.
Nach zwei Jahren bekam unsere Familie eine ordentliche Wohnung zugeteilt und die Zeit im Pfarrhaus endete folglich. Viel später erzählte mir Frau Oberpastor, es habe ihr fast das Herz gebrochen, als ich, damals 16, wieder auszog.
Oberpastor Sedlatschek hat seinen dörflichen Gemeindedienst treu versehen. Aus einem im alten Gesangbuch aufgehobenen Dienstzettel beispielsweise kann ich noch heute ersehen, wann wir die vier Pfingstgottesdienste 1952 in Bredelar und den umliegenden Orten gehalten haben – und welche Choräle gesungen wurden.
Mir war aufgefallen, daß weit und breit niemand sonst den Titel Oberpastor führte. Oberpastor Sedlatschek hatte ungewöhnlich hohes Niveau und genoß überall höchstes Ansehen. Er hatte mir auch gesagt, daß er Oberpastor an St. Johannis in Dorpat gewesen war, dies aber nicht weiter ausgeführt.
Die Informationen, welch ein „hohes Tier“ er gewesen war und daß „seine“ Kirche 2005 in Anwesenheit des estnischen Staatspräsidenten und des deutschen Bundespräsidenten Horst Köhler wieder eingeweiht worden ist, verdanke ich erst den intensiven Forschungen von Frank Borchers und seinem hervorragenden Internetauftritt.
Aus den häufigen Erzählungen wurden Dorpat, Embach, Peipussee für mich zu mystischen Sehnsuchtsorten, die man hinter dem Eisernen Vorhang niemals werde besuchen können. Auch die immer wieder erwähnten Köstlichkeiten wie Sakusken und Piroggen würde ich nie in natura erleben können. Gut, daß alles wieder normal ist.
Mit der lieben, edlen Familie habe ich selbstverständlich auch weiter Kontakt gehalten, als ich Bredelar 1955 nach dem Abi verlassen hatte. Bis dahin hatte ich selbstverständlich auch weiterhin an der Orgel ausgeholfen.
Ein besonderes Drama bahnte sich an, als seine liebe Enkeltochter in München plötzlich von Krebs heimgesucht wurde, während sie an ihrer Dissertation arbeitete. Mit ihrem Arzt hätte ich mir beinahe die einzige Prügelei meines Lebens geliefert, weil er ihr nicht genügend vom dringend erforderlichen Morphium geben wollte.
Ina-Maria war eine Schönheit mit dem edlen Charakter ihres Großvaters. Als wir erkennen mußten, daß der Kampf nicht mehr zu gewinnen war, hat mir diese junge Frau anvertraut, sie werde leichter sterben, wenn sie wisse, daß ich ihr die Orgel spielen werde. Das habe ich ihr selbstverständlich versprochen. Sie hat mir vertrauensvoll völlig freie Hand gelassen, nur als letzten Choral der Trauerfeier wünschte sie sich „Großer Gott, wir loben dich“, weil sie es dann überstanden haben würde. So geschah es. Ich habe insgesamt ein musikalisches Opfer gestaltet, in dem selbstverständ¬lich auch der Lieblingschoral ihres guten Großvaters, „Ich bete an die Macht der Liebe“, einen feinen Platz fand. Danach ist meine Orgel für 25 Jahre verstummt.
Eine viel spätere Begebenheit hat mich zutiefst gerührt. Frau Oberpastor, hochbe-tagt im Katharinen¬stift, dem Altenheim der baltischen Landsmannschaft, und ihre Tochter, ebenfalls dort, konnten sich partout nicht einigen, ob Oberjoseph, wie er von den Seinen liebevoll genannt wurde, auch den berühmten Pastor Hahn beerdigt hatte. Frau Oberpastor wußte aber Rat: „Da muß man Hansfried fragen!“
Was im Januar 1919 geschehen war, lag damals schon lange zurück. Ihre Tochter, Jahrgang 1921, konnte davon nur gehört haben, aber der relativ junge Mensch vom Jahrgang 1936 würde es selbstverständlich wissen. Welch ein Vertrauen. Übrigens, ich konnte wirklich helfen; denn bei unseren vielen guten Gesprächen hatte Oberpastor Sedlatschek mir Jahrzehnte zuvor auch berichtet, er habe Pastor Hahn beerdigt.
Er und alle seine Angehörigen sind längst verstorben. So bleiben mir nur noch die Pflege ihrer Gräber sowie viele gute Erinnerungen an wundervoll liebe, edle Menschen, Baltendeutsche eben. Und glücklicherweise bleibt auch der überaus erfreuliche Kontakt zu einigen tüchtigen und sympathischen Menschen in der Heimat von Oberpastor Joseph Sedlatschek, die ich kennen- und sehr schätzenge-lernt habe.
Oberpastor Sedlatschek hat damals dem kleinen Buben auch berichtet, daß die Orthodoxen in deren Osternacht um ihre Kirche ziehen und etwas ausrufen, das ich als „Christós wos krést“ im Ohr habe und das „Christus ist auferstanden“ bedeutete.
So wünsche ich Ihnen allen ein frohes, gesegnetes Osterfest, in diesem Jahr mit besonders strahlendem Glanz.

Herzlichst
Ihr Hansfried Wendler

Ihr

Matthias Burghardt, Pfarrer

Matthias Burghardt, Pfarrer